Archiv der Kategorie 'Ich und Medien'

15
Mär
09

16 Tote und 15 Kerzen

Dass es keine vier Stunden dauerte, bis die Ursache des Amoklaufs vermutet wurde, war zu erwarten. Bei Hart aber Fair wurde dann ja bereits am Abend der Tat mit Halbwissen um sich geworfen. Zu dem Zeitpunkt habe ich mich über die dümmliche Ignoranz der Allgemeinheit geärgert, aber das passiert ja öfters mal. Dass einen Tag später die Sache bereits so glasklar war, hat mich dann doch überrascht, aber gut. „Killerspiele“ (Geniale Wortschöpfung: Spielt man einen Killer oder killen die Spiele? Joseph hätte seine Freude daran gehabt) tragen also nicht nur zur allgemeinen Verrohung unserer Jugend bei, sondern werden schon zum direkten Tatmotiv.

Die Auswertung des Rechners von Tim K. habe ergeben, dass der 17-Jährige am Dienstagabend gegen 19.30 Uhr das Spiel „Far Cry 2″ startete und den PC gegen 21.40 Uhr ausschaltete(…)

Dieses Thema wird in den deutschen Medien (mit wenigen Ausnahmen) meist gleich behandelt. Generationsproblem: Es wird wohl noch etwas dauern, bis die heutigen Computerspieler selbst in den Redaktionsräumen sitzen oder bei Frank Plasberg mit den Parteibüchern winken dürfen. Gibt sich.

Wenn selbst in Kirchen – dort, wo Vergebung und Nächstenliebe angeblich großgeschrieben wird – keine Kerze für Tim angezündet wird, muss ich das wohl machen. Mein Mitgefühl gilt allen Hinterblieben und Angehörigen.

Nachtrag: Und überhaupt:….

28
Feb
09

Neue Freunde

In letzter Zeit habe ich viele neue Freunde. Oder sind es alte, die ich nur vergessen habe? Ich halte meine private E-Mail Adresse seit Jahren streng geheim, dennoch kann mich Biggi plötzlich erreichen und mir von den neusten Parkplatz-Treffs erzählen, Chantal erinnert mich an das Date, das wir hatten und Stefan erklärt mir die beeindruckende Wirkung seiner Potenzmittel. Und Heinrich.. mein alter Kumpel Heinrich. Er hat was tolles entdeckt:

LiDa Daidaihua?!? Wenn ich schon vollgespamt werde, kann ich doch wenigstens ein Mindestmaß an Kreativität verlangen oder etwa nicht? Eines steht fest: Wenn ich rausfinde wer von meinen bekannten Bekannten dafür verantwortlich ist, sei es durch ungefragte Massenmails oder virenverseuchte Home-PCs, dann habe ich zumindest einen Freund weniger. Schneller Ersatz ist ja jetzt gesichert.

Nachtrag: Ich habe gerade erfahren, dass es ein solches „Schlankheitsmittel“ tatsächlich gibt. Dann ist es leider nicht mehr so lustig. Allerdings besteht bei Einnahme Lebensgefahr!

10
Jan
09

Makaber

Das letzte Interview mit Adolf Merckle in der FAZ, unter dem Titel: „Ich habe schon viele Börsencrashs überstanden“. Er endet:

Ich lebe mit meiner Familie seit Jahrzehnten hier in der Region. Ich war stets ein positiv denkender Mensch und hoffe daher, dass wir auch jetzt eine Lösung für die Unternehmen finden, mit denen wir uns so unmittelbar verbunden fühlen.

Traurig.

21
Dez
08

Ich mag nur tote Dichter!

Ich bin ein Bauer! Mir fehlt jedes Gespür für zeitgenössische Kunst. Ich hasse Kurzfilme, in denen man gezwungen ist, sich minutenlang flackernde Bilder und schreiende Menschen anzuschauen. Mit wackeliger Handkamera in Fehlfarben aufgenommen, liegen Mädchen mit vielen dunklen Locken und buschigen Augenbrauen in Ecken düsterer Studenten-WGs und schreien. Oder lachen. Oder weinen. Was soll das sein? Verstörend? Ach ja. Scheiße kann in der Tat sehr verstörend sein. „Und warum gehst du dann nicht raus?“, fragt man mich dann. Ganz einfach, weil ich jedes Mal den Fehler begehe, den Machern solcher Werke ein Mindestmaß menschlicher Vernunft zuzusprechen. Ein wenig Menschlichkeit, ein wenig Mitmenschlichkeit würde genügen, um zumindest gegen Ende so etwas wie eine Auflösung des Ganzen zu präsentieren. Einen Sinn verlange ich noch nicht mal. Nur eine Erklärung. Eine Art Entschuldigung meinetwegen. Nö. Kommt nichts. Der junge Künstler spielt nämlich mit Erwartungen seiner Zuschauer. Ahhh. Begegne mir mal Nachts, Arschloch!

Gestern habe ich einen Poetry-Slam gesehen. Das schießt den Vogel ab. Einige Nichtsnutze stellen sich nacheinander auf die Bühne und lesen Texte, andere Nichtsnutze küren danach durch unterschiedlich lautes Gegröhle einen Sieger. Dass sich in moderner Lyrik oder Poesie nichts reimen darf, habe ich schon mitbekommen. Eine gewisse Metrik, ein Rhythmus? Fehlanzeige! Sprachspiele? Ein irgendwie gestalterischer Umgang mit Worten? Nichts! Assoziative Fetzen? Nicht mal das. Es werden zahlreiche Tagebuchtexte zerbrochener Egos vorgelesen. Und was ist daran Poesie? Kann ich euch sagen. Machen sie alle! Ein simpler Trick:

Man hole tief Luft. Dann lese man seinen Text so schnell wie nur irgend möglich vor, verzichte dabei auf jegliche Satzzeichen oder sonstige sinngebende Betonung. Jetzt wird es wichtig: Sobald man merkt, dass einem die Luft ausgeht, muss man beginnen die Stimme lauter werden zu lassen. Werden die ersten Worte noch betroffen gehaucht, schwillt die Lautstärke nach und nach an, die letzten Sätze werden gerufen, der letzte Halbsatz gebrüllt, das letzte Wort muss nicht mehr verstanden werden, idealerweise ein röchelnder Vokallaut.

Warum bloggen die Leute nicht einfach? Geschriebener Text geht niemandem auf die Nerven, so langweilig er sein mag. Und sollte man es nicht aushalten… ein Klick und man ist weg.

*klick*

30
Sep
08

NICHTLUSTIG

Der Trailer zur vierten Ausgabe des Buches… auf die Yetis steh ich besonders!

28
Sep
08

Verschnauf(s)pause

Mein Blog feiert heute seinen dreitägigen Geburtstag. Besucher habe ich zwar noch keine, geschweige denn Kommentare, nichts desto trotz schaue ich gerne bei mir vorbei und erfreue mich meiner neuen Internetpräsenz. So fällt dann heute mein Blick auf den Header: „Verschnaufpause“ steht dort. Hmm. ist das richtig geschrieben? Heißt es nicht Verschnaufspause? Ich google. Bei Rechtschreibfehlern kommt dann üblicherweise das vertraute „Meinten sie…“. Diesmal nicht. Aber die Anzahl der Einträge verschafft mir Sicherheit: 11.000 für die Verschnaufspause, 271.000 für die Verschnaufpause. Glück gehabt. Dabei fällt mir ein Artikel ein, den ich vor einiger Zeit gelesen habe:

Zwei Redakteure versuchen über Google herauszufinden ob man „ein Rätsel lüften“ kann.

Um die Unsicherheit zu, ja, lüften, befragte er Google. Und das Orakel sprach also: ‘Kannst beruhigt sein. „Ein Rätsel lüften“ gibt es, und zwar nicht zwei- oder dreimal als Tippfehler, sondern 120.000 Mal.

Ich sagte: 120.000 Mal, dann muss es ja stimmen. „Ein Rätsel lüften“ kommt mir völlig okay vor. Auch der Mann am linken Nachbartisch nickte: „Ein Rätsel lüften“ passiere ihm dauernd, er habe erst heute mehrere „Rätsel hintereinander gelüftet“.

Es musste eine Frau her, die rechts von uns saß, um das Rätsel unserer Unsicherheit endgültig zu lüften. Sie klärte kurz und bündig auf: Nur Geheimnisse kann man lüften, sozusagen die Decke heben und Luft reinlassen. Rätsel dagegen werden gelöst, wie Knoten, meine Herren.

Ja, und die 120.000 Einträge? zum Beispiel beim Spiegel, wo „Forscher das Rätsel des Vogelgesangs lüfteten“, oder beim Deutschen Schmerzkongress, der mit neuen Tests „die Rätsel um das Restless-Legs-Syndrom lüftete“; sogar die Archäologen des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe „lüfteten“ schon Rätsel, nämlich das „um die Herkunft der Frauen“.

Maximilian Schönherr
Das digitale Logbuch: Vergoogelt