Archiv der Kategorie 'Ich und Deutschland'

25
Aug
09

Barmbek

Als ich damals von Hasselbrook zur Habichtstraße gezogen bin, da war ich schon ein klein weing geknickt. Ich hatte meinen alten Stadtteil sehr lieb gewonnen und dort eine gute Zeit verbracht. Als ich ein paar Wochen hier gelebt hatte, sagte ich immer: „Hier wohnt man halt…“ So kam es mir vor. Abends die Straßen zugeparkt, tagsüber wie leergefegt. Alles sehr ruhig, sauber, keine Kinder – und wenn doch, huschen sie leise ins Haus. Relativ wenig Menschen auf den Straßen, von der Fuhle und denen Richtung Stadtpark mal abgesehen. Etwas zu paradiesisch für meinen Geschmack, aber nur so paradiesisch wie eine Arbeitersiedlung nun einmal sein kann.

Mit der Zeit erst begann ich Barmbek zu begreifen. Mit der Zeit verstand ich auch, warum Barmbeker darauf wert legen, dass sie nicht irgenwelche Hamburger sind. Oder warum der Fan von Barmbek Uhlenhorst eben kein HSV-Fan ist. Barmbek ist ein höheres Gut als Hamburg selbst.

Und in der friedlichen Ecke, in der ich wohne – dort, wo man außer der U-Bahn nachts höchstens ein paar Grillen zirpen oder Katzen kämpfen hört, wo man nachts sogar die Sterne sieht – dort wohnt jetzt ein Pärchen, das die Idylle erschüttert. Die streiten nämlich. Man sollte es nicht glauben. Laut bei offenem Fenster, nächtelang – in ungebrochener Intensität. Das verdient Respekt. Die empörten Schatten, die hinter den Gardinen der Nachbarn umherstreichen, sehen das vermutlich anders. Mich stört es nicht wirklich, man bekommt fast ein wenig Sehnsucht nach Hamm. Aber nur fast.

06
Jun
09

Nicht der Sinn der Sache

Bei mir um die Ecke ist eine Grundschule, gelegen an einem Park durch den sich eine kurvige, wenig befahrene Straße schlängelt. Natürlich Tempo 30, was aber häufig missachtet wird, dazu ist die Straße einfach zu leer. Das dürfte die Stadt auch dazu veranlasst haben, jetzt ein elektronisches „Sie fahren … km/h“-Schild mit Geschwindigkeitsmessung aufzustellen. Ich habe das gestern zum ersten Mal bemerkt, als der Bus plötzlich scharf abbremsen musste, weil eine Gruppe Grundschüler auf der Straße stand. Die haben jetzt natürlich eine neue Pausenbeschäftigung:

Wer ist schneller? Mit dem Rad oder per Pedes? Und das alles auf der unübersichtlichen und kurvigen Straße, auf der gerne zu schnell gefahren wird.

30
Mär
09

Urban Occultism

Dass der Hamburger Stadtpark für die ein oder andere „spirituelle Erfahrung“ gut ist, wusste ich ja. Aber das hat mich dann heute doch etwas überrascht:

Naja, wo sollen sie auch sonst hin? Wenn ich als verkannter Druide in einer 2-Zimmer-Wohnung in Barmbek wohnen würde, dann hätte ich auch den Drang hin und wieder ein kleines Ritual abzuhalten. Worum es wohl ging? Eventuell ein Fluch, der auf die Nachbrin gesprochen wurde? Oder ein Bannzauber gegen GEZ-Fahnder und Gerichtsvollzieher? Oder ging es doch darum, die holde Schönheit aus der Hansebäckerei gefügig zu machen? Wer weiß…

15
Mär
09

16 Tote und 15 Kerzen

Dass es keine vier Stunden dauerte, bis die Ursache des Amoklaufs vermutet wurde, war zu erwarten. Bei Hart aber Fair wurde dann ja bereits am Abend der Tat mit Halbwissen um sich geworfen. Zu dem Zeitpunkt habe ich mich über die dümmliche Ignoranz der Allgemeinheit geärgert, aber das passiert ja öfters mal. Dass einen Tag später die Sache bereits so glasklar war, hat mich dann doch überrascht, aber gut. „Killerspiele“ (Geniale Wortschöpfung: Spielt man einen Killer oder killen die Spiele? Joseph hätte seine Freude daran gehabt) tragen also nicht nur zur allgemeinen Verrohung unserer Jugend bei, sondern werden schon zum direkten Tatmotiv.

Die Auswertung des Rechners von Tim K. habe ergeben, dass der 17-Jährige am Dienstagabend gegen 19.30 Uhr das Spiel „Far Cry 2″ startete und den PC gegen 21.40 Uhr ausschaltete(…)

Dieses Thema wird in den deutschen Medien (mit wenigen Ausnahmen) meist gleich behandelt. Generationsproblem: Es wird wohl noch etwas dauern, bis die heutigen Computerspieler selbst in den Redaktionsräumen sitzen oder bei Frank Plasberg mit den Parteibüchern winken dürfen. Gibt sich.

Wenn selbst in Kirchen – dort, wo Vergebung und Nächstenliebe angeblich großgeschrieben wird – keine Kerze für Tim angezündet wird, muss ich das wohl machen. Mein Mitgefühl gilt allen Hinterblieben und Angehörigen.

Nachtrag: Und überhaupt:….

15
Feb
09

Baumarkt

Ich war heute im Baumarkt. Mein Vater befindet sich im Krieg mit einem Marder auf seinem Dachboden. Da galt es sich zu rüsten. Bedeutete: ich trottete hinterher, während er sich mit Bauschaum, Chemikalien und Klosteinen (soll wirken) eindeckte. Normalerweise bin ich im Baumarkt wie alle anderen Männer. Ich erstarre mit offenem Mund vor Werbevideos von Stichsägen, die durch die verschiedensten Materialien gleiten, als wäre es Butter. Ich fasse alles an, prüfe den richtigen Sitz des Spatengriffs und habe größte Mühe mir nicht einen der Hubwagen zu schnappen, um die schief stehende Palette Laminat dort hinten gerade zu schieben. Ich befinde die Qualität der angeboten Produkte für größtenteils mangelhaft, frage einen Verkäufer nach einer völlig absurden Ware (Klebstoff aus der Raumfahrt zB.), die er natürlich nicht hat. Dann klopfe ich zweimal mit der flachen Hand auf den Tresen, sage: „Dann muss ich mir wohl selbst was überlegen!“ und beginne giftig aussehende Tiegel mit vielen Warnhinweisen in den Einkaufswagen zu legen. Ich trage schwere Kanthölzer zu meinem rostigen Pickup auf dem Parkplatz. Ich esse noch eine Wurst mit den anderen Jungs und fahre dann nach Hause zu meiner 7-köpfigen Familie wo ich die nächsten fünf Stunden nicht zu sprechen bin.

Normalerweise bin ich einer von ihnen. Heute nicht. Ich hatte Muskelkater und konnte kaum gehen. Ich konnte nur zuschauen. Das übliche Bild. Aber mir ist heute zum ersten Mal eine kleine Randgruppe aufgefallen: Junge Pärchen. Ein Bild des Grauens. Die erste gemeinsame Wohnung, aber nach zwei Tagen gibt es immer noch kein Licht auf dem Flur. Umstände, die so nicht mehr hingenommen werden und denen heute ein Ende bereitet wird. Arme Kerle schieben Wagen mit kreischenden Wandfarben hinter Frauen mit verheulten Augen her. Streit. Klar, sie haben es noch nicht kapiert. Frauen haben da nichts zu suchen. Frauen, die man in Baumärkten trifft, sind entweder unter 30 und weinen, alleine und entspannt oder dort wo sie hindürfen, wenn der Mann sie gnädigerweise doch mal mitgenommen hat: Im Gartencenter. Aber das ist ja auch immer auf dem Außengelände, nur eingezäunt… an sich ja perfekt.

12
Jan
09

Schluss mit lustig

Jetzt geht’s los. Jetzt fülle ich Fragebögen zur steuerlichen Erfassung aus. Jetzt liegt dauernd Post vom Finanzamt im Briefkasten. Hilfe. Ich wollte doch nur ein wenig arbeiten, selbstständig halt, ok, aber bin ich deswegen gleich Unternehmer? Anscheinend ja. Ich habe keine Ahnung von Steuerfragen, woher auch? Aus meiner Familie weiß ich, dass mein Vater nachts mit überhöhter Geschwindigkeit durch die Stadt fährt, um den rechtzeitigen Zugang der Steuererklärung noch zu gewährleisten. Mehr nicht. Das Beschäftigen eines Steuerberaters würde vermutlich meine derzeitigen Einnahmen übersteigen, obwohl ich im Studium zZ genug zu tun habe, um mich parallel noch in das deutsche Steuerrecht zu fuchsen. Was ist eigentlich aus Merz und seinem Bierdeckel geworden? Ach so, er zieht sich aus der Politik zurück? Ok, das macht Mut. Hatte doch tatsächlich einen Moment überlegt konservativ zu wählen, schließlich bin ich jetzt Unternehmer.

Ich habe den letzten Brief nicht verstanden. Ich habe den letzten Brief erst mal zur Seite gelegt. Ich glaube das macht man so.

10
Jan
09

Makaber

Das letzte Interview mit Adolf Merckle in der FAZ, unter dem Titel: „Ich habe schon viele Börsencrashs überstanden“. Er endet:

Ich lebe mit meiner Familie seit Jahrzehnten hier in der Region. Ich war stets ein positiv denkender Mensch und hoffe daher, dass wir auch jetzt eine Lösung für die Unternehmen finden, mit denen wir uns so unmittelbar verbunden fühlen.

Traurig.

09
Jan
09

Termin in den Achzigern

Ich war heute morgen um 8:00 Uhr beim Augenarzt. (Gerstenkornartige Entzündung… unschön aber nicht schlimm) Ich hätte ja eigentlich schon misstrauisch werden können, dass ich als Kassenpatient anstandslos einen Termin, gleich am nächsten Morgen bekomme. Gestern meinte ich schon, dass ich mich nicht sonderlich unterversorgt fühle. Nun ja. Ich habe einfach auf dem Stadtplan nach dem nächsten Arzt geschaut. Die Praxis war auf seltsame Art und Weise in eine übliche Wohnung integriert, was man hier in Hamburg aber häufiger findet. Was aber schon seltener ist, dass man mit dem Durchschreiten der Tür eine Reise in die 80er Jahre macht. Ich übertreibe nicht! Zunächst fallen viel braunes Kunstholz und Linoleumboden ins Auge. Hinter dem Tresen am Empfang (vermutlich das Esszimmer, das aus Platzgründen auch immer nur von einem Patienten betreten werden kann), eine Frau in den 40ern mit Bananarama-Frisur. Dort stand das, was man früher wohl als „EDV-Anlage“ bezeichnet haben mag, mit herrlich lautem Nadeldrucker und 14“-Bildschirm. Darauf eine Eingabemaske im MS-DOS-Look.

Das Wartezimmer war klassisch gehalten, der Glastisch der Gipfel an Modernität, Patienten wurden über eine beige Lautsprecherbox in das Sprechzimmer gebeten. Dort erwartete mich der Arzt: Jan Fedder in der Ibiza-Version, mit langen, nach hinten gegelten Haaren und einer schwarzen Hornbrille. Das alte Modell, nicht die aktuellen. Ich hatte die Wahl zwischen Untersuchungsstuhl und einem Schwarzen Dallas-Ledersessel. Sonst gab es keinen überflüssigen technischen Schnickschnak, wie man den aus anderen Praxen kennt. Wozu auch?

Das war ein Trip. Sagt ja nichts über die Kompetenz des guten Mannes aus, aber ob ich da nochmal hingehe weiß ich nicht. Vor allen Dingen nicht, wenn ich ein Problem mit dem Auge selbst habe, nicht nur mit dem Augenlid.

07
Jan
09

Minusgrade

Aktuelle Temperatur in Hamburg/Barmbek: -5°C. Was daran schön ist?

1. Es regnet nicht.

1.1 Das kleine bisschen Schnee bleibt auch liegen.
1.2 Strahlender Sonnenschein den ganzen Tag.

2. Die Kinder haben Spaß auf zugefrorenen Seen.

3. Meine Luftfedergabel spielt endlich mal ihr volles Potential aus.

4. Der Coffee-to-go ist ruck-zuck auf Trinktemperatur.

5. Hundescheiße gefriert, man kann nicht mehr reintreten. Man bricht sich höchstens den Knöchel.

Nachtrag: Nachdem ich gerade das heute-Journal sehe:
6. Es ist nicht noch viel kälter.

19
Dez
08

§153 Abs.2 StPO: Eingestellt!

Gestern hat mein Anwalt angerufen. Er hat es entgegen aller Vorhersagen geschafft: Das Verfahren wird eingestellt werden. Das wollte natürlich auch angemessen gefeiert werden. Da kam unsere Weihnachtsfeier der Musikwissenschaftler gerade recht. Glühwein in Plastikbechern für einen halben Euro. Ich hatte natürlich schon den heißen, klebrigen Rebensaft auf beiden Händen, bevor ich den ersten Schluck nehmen konnte. Dass ich nach ein paar Glühwein und dem ersten Bier mit einer Freundin beschloss die Party zu verlassen, war vermutlich eine wegweisende Entscheidung. Ich fasse den weiteren Verlauf des Abends einfach mit den gewonnenen Erkenntnissen zusammen:

1. Donnerstags kann man in Hamburg günstig Cocktails trinken.

2. Schnell zu trinken um die Happy-Hour auszunutzen, ist zwar nicht rat- aber wirksam.

3. Kasachen können auch noch nach der Happy-Hour sehr spendabel sein.

4. In manchen orientalischen Cafés ist Tanzen zwar nicht rat- aber wirksam.

Aber es ging alles gut. Sie hat jetzt einen Weihnachtsbaum und ich habe heute auch meine Tasche in einem der Läden wiedergefunden.